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IG Kultur

Sindelfingen: Mundart-Welthits im Pavillon

The Franz Mayer Experience protokollieren augenzwinkernd den Diebstahl bekannter Rock- und Popsongs, die angeblich aus Oberschwaben stammen.
Von Thomas Volkmann
Ob Schwoißfuaß, Grachmusikoff oder Franz Mayer Experience: Alex Köberlein bleibt unverkennbar.

Ob Schwoißfuaß, Grachmusikoff oder Franz Mayer Experience: Alex Köberlein bleibt unverkennbar.

Bild: Volkmann

Sindelfingen. 2017 hatte die schwäbische Rock-, Blues- und Blasmusikkapelle Grachmusikoff sich nach Ende einer Abschiedstour nach rund 40-jährigem Bestehen aufgelöst. Von den Auswirkungen der Coronapandemie auf ihr künstlerisches Wirken blieb die Band dadurch zwar verschont, gleichwohl aber entstand genau in jener Phase bei Frontmann Alex Köberlein die Idee zu einem neuen Projekt, das Ende 2022 dann erstmals bühnenreif war. Nun haben The Franz Mayer Experience erstmals auch den Pavillon beehrt und der IG Kultur Sindelfingen/Böblingen zur ersten Veranstaltung des neuen Jahres gleich ein ausverkauftes Haus beschert.

Das Konzept von The Franz Mayer Experience ist im Grunde ähnlich wie jenes der mehrfach schon im Pavillon aufgetretenen Formation Poems on the Rocks. Während dort der als Sprecher bekannte Jo Jung die Songtexte in der Regel englischsprachiger Rockklassiker um poetische deutsche Zeilen ergänzt und die Musikerkollegen dann die Originale nachspielen, entwarf Köberlein schwäbische Übersetzungen der Texte – um unverfroren zugleich auch zu behaupten, dass eigentlich ja seine Versionen die Originale seien, welche einst und damals auf teils abenteuerliche Weise von Bands mit Rückübersetzungen ins Englische, Französische oder auch Spanische dann die Hitparaden stürmten und die Songs zu Klassikern werden ließen.

Komödiantischer Ansatz

Im Pavillon hat Köberlein zusammen mit seiner neuen Band die jeweiligen Entstehungsgeschichten und auf welche Weise sie „geklaut“ worden sind, vorgestellt – und damit nicht nur musikalisch, sondern auch im Sinne eines ins Komödiantische gedrehten Ansatzes bestens unterhalten.

Einen Franz Mayer freilich sucht man im Line-up der Band vergeblich, die Musiker an Köberleins Seite heißen Matze Reimann (Gitarre), Ralf Trouillet (Bass), Steff Hengstler (Keyboards) und Joo Aiple (Schlagzeug) – bekannt auch als die Rottweiler. Köberlein selbst greift wiederholt zu Saxofon und Querflöte. Angelehnt ist der Bandname ganz sicher an die Jimi Hendrix Experience und deren Song „Hey Joe“, der von einem Typen handelt, der – Köberlein muss da so etwa 15 Jahre alt gewesen sein, als er ihn schrieb – aus Eifersucht seine Lady erschossen hat, nachdem er sie in flagranti beim Seitensprung erwischt hatte.

Wirkliche Franz-Mayer-Erfahrung

Gleichzeitig besingt Köberlein aber auch eine wirkliche Franz-Mayer-Erfahrung, habe ein vereinsamter alter Mann selbigen Namens sich doch mit einem sogenannten „Alb ra“-Shout von Felsen ins Tal gestürzt, was im Refrain aus der Vorlage „Yippie-yi-o, Yippie-yi-yay“, wie ihn unter anderem Johnny Cash in „(Ghost) Riders in the Sky“ gesungen hat, „Es gibt koi Heu no, es gibt koi Heu meh‘“ macht.

Um Erklärungen, wie die schwäbischen Soundschöpfungen aus zumeist Bad Schussenried ihren ruhmreichen Weg hinaus in die Musikgeschichte gemacht haben, ist Alex Köberlein nie verlegen. Bei „Papa was a Rolling Stone/Dein Vater war an harter Hund“ war’s wohl ein GI, der Melodie und „beschissene“ Übersetzung nach Detroit zu den Temptations exportierte, die Vorlage zu „Bakerman“ von Laid Back hätten die sich wohl aus einer im Mülleimer gelandeten Kassette gefischt und seltsame Füllworte wie „Sagabona“ und „Kutschibana“ angefügt.

Hooligans des FC Nürnberg

Billy Idols „Rebel Yell“ sei eigentlich von rebellierenden Hooligans des FC Nürnberg ins Megafon gesungen worden, ZZ Top wiederum hätten sich erdreistet, selbst Köberleins dreckigen Lacher zu Beginn des herrlich rockenden „La Grange“ zu übernehmen, und Mick Jagger muss die Köberlein-Zwillinge wohl einstmals belauscht haben, als die in Marrakesch beim Straßenmusizieren halbarabische Klänge spielten und von der Episode vom Anstreichen weißer Türen in schwarze und dem zufälligen Verstecken von Cannabis-Blumentöpfen vor der Polizei sangen. Herausgekommen ist dann „Paint it black“. Nicht die schlechteste Form, einen Alptraum zu haben, mag sein, wenn einem Iggy Pop’s „The Passenger“ im Kopf herumspukt – im Fall Köberleins war’s die demütigende Erfahrung eines geklauten Vespers.

Mehr als 20 unvergessliche Songs haben Franz Mayer Experience im Pavillon gespielt, jeder machte im schwäbischen O-Ton riesig Spaß, zumal die Stücke ja auch tanzbar waren. Köberleins Kommentare wollte man dabei so wenig missen wie einst, als es Grachmusikoff und auch die Band Schwoißfuaß noch gab und auch da solche launigen Geschichten Teil jedes Konzertes waren. Dass am Ende des Sindelfinger Abends noch Klassiker wie „Dr tägliche Wahn“, „Oinr isch emr dr Arsch“ und der „Drägglacha Blues“ zum Besten gegeben wurden, hat die Fans dann ganz besonders gefreut.

Wer’s wieder erleben will: am 9. Mai spielen The Franz Mayer Experience in der Stegwiesenhalle in Renningen, am 22. Mai in der Zehntscheuer in Ammerbuch-Entringen.