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Im Sindelfinger Pavillon

Ein Jubiläum für den Bandleader, und viel Applaus für die MVS Big Band

Seit 2001 ist Jörg Gebhardt Dirigent und Arrangeur des Ensembles. Im Sindelfinger Pavillon wird sein 25-jähriges Jubiläum gefeiert.
Von Bernd Heiden

Sindelfingen. Der Frühling ist da und damit auch der Swinging Spring mit der MVS Big Band im Pavillon der IG-Kultur am Calwer Bogen. So kennen das die Fans seit gefühlt mindestens zwei Jahrzehnten. Auch dass das Pavillon wieder einmal wie auch diesmal an beiden Konzerttagen ausverkauft ist, das ist eine aus der Vergangenheit wiederkehrende Erfahrung. Allerdings fiel der diesmalige Swing zum Frühling doch einigermaßen aus der Reihe.

Ein untrügliches Zeichen dafür: Ein frühes, tiefes Bedauern bekundendes kollektives „Oooooooch“ vom Publikum. Denn nach dem ersten Song hat Bandleader Jörg Gebhardt eine für die allermeisten völlig überraschende Nachricht verkündet. Alexander Wolff, seit zehn Jahren der männliche Aushängevokalist des Ensembles, habe die MVS Big Band verlassen, erklärt Leader Gebhardt. Alexander Wolff wolle sich anderen eigenen Vokalprojekten widmen, ergänzt der Dirigent und fügt an, Wolff bleibe dem Ensemble aber freundschaftlich verbunden. Tatsächlich verfolgt Alexander Wolff als Zuhörer dieses Konzert mit.

Wie ein Sechser im Lotto

Aus der Reihe der vielen früheren Swinging Springs tanzt dieser aber auch aus einem anderen Grund. Das Publikum erlebt einen das übliche Maß weit übersteigenden Sprechanteil. Das liegt nicht, beziehungsweise nur indirekt an Jörg Gebhardt, der wie bekannt neben der Rolle des Dirigenten und gelegentlicher Vokaleinlagen auch die des Moderators innehat und dabei die Hörerschaft reichlich mit Zahlen, Fakten und Storys um all die knapp zwei Dutzend meist berühmten Songs aus der Welt von Jazz, Pop und Musical versorgt. Nein, für einen außergewöhnlich hohen Redeanteil bei diesem Frühlingsswing sorgt der neue MVS-Vorsitzende Bernhard Semmler. Er zieht zwar schon lange im Hintergrund die organisatorischen Strippen bei den Konzerten der Big Band und sitzt für alle wahrnehmbar als Gründungsmitglied seit 1987 am Schlagzeug der Combo und beschränkt sich bei den Band-Auftritten auf der Bühne auch auf diesen Part. In Konzerthälfte zwei aber kommt er hinter seinem Drumset hervor an die Bühnenfront und greift sich ein Mikro.

„Du warst ein Glücksgriff“, sagt Semmler, ordnet diese Aussage aber sofort als zu tief gestapelt ein. Nein, er sei ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl gewesen. Personalpronomen wie „Du“ sind dabei nicht weiter erläuterungsbedürftig, denn der Gemeinte steht direkt neben ihm: Jörg Gebhardt. Ihm ist dieser im Rahmen der Sindelfinger Jazztage laufende Swinging Spring gewidmet. Denn seit 2001 und damit seit 25 Jahren ist er als Dirigent und Arrangeur der musikalische Leiter dieser Big Band. Rund 450 Arrangements hat er in dieser Zeit für die Big Band geschrieben. Und wie die MVS Big Band bis heute von Gebhardts Verbindungen zur SWR Big Band als deren ehemaliger Schlagzeuger profitiert, das manifestiert sich im jetzigen Konzert unter anderem an einer Personalie.

Die Gitarre ruht nicht wie seit Jahren in den Händen von Sebastian Pilsl, der sich eine Bandauszeit zwecks Elternzeit gönnt, sondern in den Händen von Saiten-Vertreter Klaus-Peter Schöpfer, jahrzehntelanger Gitarrist der SWR Big Band und damit langjähriger Weggefährte und Kollege Gebhardts. Der Einspringer an den sechs Saiten freilich zeigt mit einer verblüffenden Sound- und Stilpalette mit nur einem Instrument und überschaubarem Effekt-Board, was so ein Top-Profi kann.

Zartbittere Pille

Die Pille, die das Publikum zum Auftakt mit der Nachricht vom Ausscheiden von Alexander Wolff zu schlucken bekommt, die erweist sich im Folgenden als lediglich zartbitter mit beherrschbaren Nebenfolgen. Denn mit den seit vergangenem Herbst bei der MVS Big Band aktiven Sängerinnen Nadine Wagner und Friederike Nößner hat die Band nach wie vor hochklassige Stimmen an Bord, die einen Wolff zwar nicht ersetzen können, aber enorme stilistische Breite erlauben. So „The Power of Love“ von Jennifer Rush, selbstredend intoniert von der klassisch ausgebildeten Konzertsängerin Wagner bis hin zu „Conga“ der Band Miami-Sound-Machine mit Gloria Estefan, deren Rolle hier Friederike Nößner grandios übernimmt, wobei sich Jörg Gebhardt im zungenbrecherischen Refrain als Backup-Stimme so selbstironisch wie wacker schlägt. Dem Applauspegel nach zu urteilen dürfte allerdings der einstige Marilyn Monroe Hit „Diamonds are the Girl‘s Best Friends“ mit Vokalistin Nößner das größte Gefallen unter all den vielen Vokalnummern erzeugt haben.

Auch wenn die reinen Instrumentalnummern in der klaren Minderheit sind, auch die Vokaltitel bezeugen hinreichend die Qualitäten der Band. Riesige Spannungs- und Entwicklungsbögen auch durch sehr differenzierte Dynamik vom Kätzchenschleichen bis zum Presslufthammerakzent und gute Intonation bei exzellenter Gesamtbalance der Register offenbart das Ensemble dabei ebenso wie technische Beschlagenheit in manch quirligen Details. Arrangements des Bandleaders bieten dabei einzelnen Instrumentalisten wie den Trompetern Michael Kirsch oder Julian Schanbacher, Saxofon-Boss Thomas Geiger am Altsax oder Oswald Wagner mit dem Tenorsax Gelegenheit, überzeugende Proben ihrer instrumentalen Exzellenz abzuliefern. Die Begeisterung im Publikum jedenfalls deutet an: Frau und Mann hätten nichts dagegen, einen Gebhardt mit dieser Band auch beim Jubiläum zum 50. zu erleben.